Hitlers Zuwendungen (Schlechthin unwürdig)
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Korruption-auf-hohem-Niveau
(Von Winfried Vogel / 28.März 1997)
Mit hohen Dotationen in Reichsmark oder Immobilien versuchte Hitler, Feldmarschälle und Generäle der Wehrmacht zu korrumpieren. Einigen gelang es, noch mehr zu ergattern!
Ein weitgehend unbekanntes Kapitel in der Geschichte des Nazireiches sind die Dotationen, die Adolf Hitler als Führer des Grossdeutschen Reiches vorwiegend an Führungspersönlichkeiten verlieh. Wie die sicherlich nicht vollständigen Akten des Bundesarchivs ausweisen, wurden für die damalige Zeit gewaltige Summen als Geldgeschenk in Reichsmark oder als Immobilie Parteigenossen, Künstlern, Generälen und Feldmarschällen der Wehrmacht übereignet – natürlich steuer- und abgabenfrei.
Hitler nahm damit im nationalsozialistischen Volksstaat eine Tradition des absolutistischen Ständestaates wieder auf, die mit dem Ersten Weltkrieg eigentlich zu Ende gegangen war. Als Dotationen (von lateinisch dos = Mitgift, Geschenk, Gabe) werden Anerkennungen des Staates für besondere Dienste bezeichnet. Der Zweck war unzweideutig: Thron und Gefolgsmann sollten durch den materiellen Dank enger aneinander gebunden werden.
Schon Friedrich der Grosse machte von dieser Möglichkeit reichen Gebrauch auch Napoleon, Usurpator eines Throns, versuchte, seine Generäle und Marschälle durch reichliche Geldgeschenke an sich zu binden. So erhielt jeder Marschall für den Feldzug des Jahres 1809 gegen Österreich eine Million Franken.
In Preussen wurde die Vergabe von Dotationen nach den Freiheitskriegen 1812 bis 1815, in grossem Masse aber nach den Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870 an Heerführer und Staatsmänner üblich. Allein aus den französischen Kriegskontributionen des Jahres 1871 wurden dafür vier Millionen Taler ausgegeben.
Ein Paradebeispiel für eine Serie von Dotationen ist der preussische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck.
Nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 erhebt ihn Wilhelm I. in den erblichen Grafenstand. Nach dem Sieg Preussens über Österreich 1866 wird Bismarck zum General ernannt und erhält eine Dotation von 400’000 Talern. Der König empfiehlt der Frau seines Ministerpräsidenten, damit Grundbesitz zu erwerben, „welcher mit dem Ruhm ihres Mannes und ihrer Familie dauernd erhalten bliebe“. Bismarck kauft in Hinterpommern das Gut Varzin, 22’500 Morgen gross, inklusive fünf Dörfern. Nach dem deutsch-französischen Krieg wurde Graf Bismarck 1871 in den erblichen Fürstenstand erhoben und ihm der Dominalbesitz Schwarzenbek mit Sachsenwald im ehemaligen Herzogtum Lauenburg mit einer Grösse von 25’000 Morgen und einem Wert von einer dreiviertel Million Talern übertragen.
Während der Invalide sehen musste, wie er sich weiter durchs Leben schlug, und Bauern und Bürger die Kriegsschäden auf eigene Kosten zu reparieren hatten, wurden Minister und hohe Offiziere für ihre Kriegstaten grosszügig belohnt. Höchstens ein paar Sozialrevolutionäre kritisierten diesen Brauch, das Volk nahm ihn, wie vieles im Leben, als von Gott gefügt in Demut und Dankbarkeit an.
„. . . schlechthin unwürdig“
Nach der Wahl des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten wurde schon in der Weimarer Republik das Denken in Kategorien des Ständestaates wieder „hoffähig“. Der hochverehrte „Ersatzkaiser“ empfing zu seinem 80. Geburtstag am 2. Oktober 1927 eine grosszügige Spende der deutschen Wirtschaft, die ihm ermöglichte, Gutsherr auf Gut Neudeck in Ostpreussen zu werden.
Bemühungen um die Befreiung des Gutes und seines Gutsherrn von Reichs- und Landessteuern folgten. Der Erfinder der Dolchstosslegende und Betreiber einer Restauration im Sinne der Hohenzollern wurde vom deutschen Steuerzahler belohnt.
Die erste grosse aufsehenerregende, aber von allgemeiner Zustimmung getragene Dotation des Nazireiches erhielt der andere Held des Ersten Weltkrieges, Generalfeldmarschall August von Mackensen.
Mit ihm betrieb die NS-Führung insbesondere nach dem Tode Hindenburgs 1934 einen öffentlichkeitswirksamen Kult. Am 10. März 1935 wurde entschieden, Mackensen das aus Beständen des preussischen Domänenbesitzes entnommene Gut Brüssow in der Uckermark zu übertragen. Es war fast 1250 Hektar gross, hatte rund 4’000 Morgen Nutzfläche, ein schönes Herrenhaus, drei Vorwerke, einen See von rund 300 Morgen, einen Wald von 150 Morgen, eine Belegschaft von rund 200 Personen.
Etwa seit 1938 begann sich die Dotationsspirale immer schneller zu drehen. Waren es zunächst kleine Mitarbeiter des Generalbauinspektors Albert Speer, die zwischen 500 und 1’000 Reichsmark Dotation erhielten, so sind es in den Jahren seit 1940 Reichsminister, Generalfeldmarschälle und Künstler, die zwischen 250’000 und über eine Million einstreichen durften. In den über 130 von mir festgestellten Einzelaktionen steigen die Höhe der Dotationen und der Rang des Empfängers stetig.
Hitler hat sich, wie man im Tagebuch seines Heeresadjutanten, Major Engel, nachlesen kann, über den Sinn der Dotationen offen geäussert: Die grosszügigen Geschenke der Könige und Cäsaren seien „eine ganz kluge Sache gewesen, denn je mehr man eine Heldentat und Leistung honoriere, umso mehr verpflichte man sich den Betreffenden und binde ihn, ganz unabhängig von dessen Einstellung, doch an seinen Eid und verpflichte ihn demjenigen gegenüber, dem er diese Ehrung zu verdanken habe“.
Von seinen Offizieren verlangte er nicht, dass sie Nationalsozialisten seien, aber er forderte „von einem General und Offizier“, dass er sich politisch völlig der Staatsführung unterordne und blindlings die Befehle ausführe, die die politische Führung von ihm verlange.
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Das würde jedem leichter fallen, auch gegen innere Überzeugung, wenn er entsprechende Ehrungen durch den Staatsführer erhalten habe und sich diesem dadurch von selbst und damit auch dem Staat gegenüber verpflichtet fühlen müsse“. Mit dem letzten Satz ist deutlich: Verpflichtung, man kann auch bösartiger sagen: Korrumpierung der Eliten ist das erklärte Ziel.
Zuständig für die Bearbeitung von Dotationen war der Leiter der Reichskanzlei, Reichsminister Hans Heinrich Lammers. Der ehemalige preussische Beamte des Reichsinnenministeriums wurde engster juristischer Berater Hitlers. Ausgestattet mit fähigen Mitarbeitern, oblag es ihm, die Wünsche des Führers für eine Dotation zu erfüllen oder die Anregungen Dritter nach dessen Billigung zu exekutieren.
Alles erledigte die Bürokratie der Reichskanzlei mit Akribie und Bravour die preussische Staatsmaschine lief auch im „Dritten Reich“ wie geschmiert weiter.
Besonders die Militärs wurden reichlich bedacht. Angesichts der Fülle und der Höhe der Dotationen fallen Beträge wie 38’000 Mark für ein Gemälde zum fünfzigjährigen Dienstjubiläum des Grossadmirals Raeder kaum auf. Feldmarschall Sperrles Gemälde kostet 90’000 Mark, die Generäle Hube und Hossbach erhalten 50’000 Mark als Geldgeschenk, SS-Oberstgruppenführer Sepp Dietrich 100’000 Mark, die Feldmarschälle Rundstedt, Milch, Keitel und Kluge, ebenso Grossadmiral Raeder 250’000 Mark, Generaloberst von Kleist 480’000.
Gerade die Generalität, die so viel Wert auf ihr preussisches Verständnis von Dienen, Ehre und Sauberkeit legte, konnte nicht ohne innere Befangenheit dem Führer und seinen Parteigrössen entgegentreten, wenn sie solche Geldbeträge entgegennahm. Degoutant – um nicht zu sagen skandalös – sind die Fälle der Dotationen an die Generalfeldmarschälle Leeb und Keitel und an Generaloberst Guderian. Denn hier wurden Dotationen nicht nur in Empfang genommen, sondern geradezu erschlichen oder, im Fall Guderian, „erobert“.
Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb, Jahrgang 1876, aus bayerischer Offiziersfamilie, geadelt für seine Tapferkeit im Ersten Weltkrieg, wurde im März 1938 von Hitler als Generaloberst verabschiedet, aber bald wieder reaktiviert. Der Frankreichfeldzug 1940 brachte ihm – wie elf anderen hohen Generälen – den Feldmarschallstab ein. Als im Russlandfeldzug der Angriff seiner Heeresgruppe Nord auf Leningrad scheiterte, seine Panzerverbände durch Abzug in andere Abschnitte geschwächt wurden und Eingriffe Hitlers und des Oberkommandos des Heeres seine Befehlsbefugnisse stark beeinträchtigten, bat er am 12. Januar 1942 um seinen Abschied. Ritter von Leeb war kein Nazi, er missbilligte den Bruch der belgischen und niederländischen Neutralität und stand der Führungskunst seines Oberbefehlshabers Hitler kritisch gegenüber.
Aber gerade dieser Offizier, dessen Ehrbegriffe noch in kaiserlichen und königlichen Zeiten wurzelten, ist ein Paradebeispiel für die Verführungskraft des Geldes. Am 5. September 1941 feierte man auf dem Gefechtsstand der Heeresgruppe Nord den 65. Geburtstag des Feldmarschalls. Um elf Uhr erschien der Adjutant des Führers, Oberst Schmundt, überbrachte dessen Glückwünsche sowie einen Scheck über 250’000 Mark. So steht es in den Tagebuchaufzeichnungen des Feldmarschalls, die Georg Meier vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt ediert hat. Der Scheck wurde diskret überreicht, wie das üblich war. Herausgeber Meier behauptet, das Geschenk habe den Generalfeldmarschall verwirrt und bestürzt. Woher er das hat, bleibt sein Geheimnis.
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Immerhin hat sich Leeb schon nach elf Tagen bei Reichsminister Lammers handschriftlich für die Steuerfreiheit des stattlichen Betrages bedankt.
Am 26. März 1943 schreibt Leeb einen „Bettelbrief“ an Lammers: Zusätzlich zu seinem kleinen Anwesen in Solln bei München möchte er auch einen Besitz auf dem Lande haben, „um dort im Sommer einige Monate in Ruhe und fern von den täglich drohenden Fliegerangriffen verbringen zu können“. Für den Landerwerb würde er gern die Dotation verwenden, und da er von Landwirtschaft nichts verstehe, wünsche er zu seinem einfachen Landhaus einen grösseren Wald. Der Feldmarschall schliesst mit der Bemerkung, „dass die Angelegenheit als vertraulich anzusehen ist, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung“.
Lammers trägt im Mai das Problem dem „Führer“ vor dieser beauftragt ihn, geeignete Schritte zu unternehmen. Und nun beginnen sich in München die Räder der Verwaltung zu drehen. Von Gauleiter Giessler bis zu einigen Oberforstämtern und landwirtschaftlichen Behörden bemüht man sich, ein geeignetes Objekt zu finden. Der Gauleiter möchte im Finanzrahmen von höchstens 300’000 Reichsmark bleiben, doch dafür gibt es kaum etwas Geeignetes, was dem Generalfeldmarschall gefällt. Bis Oktober waren Leeb etwa zwanzig Waldobjekte in Schwaben, Ober- und Niederbayern angeboten worden.
Der Generalfeldmarschall entschied sich schliesslich für ein Objekt von beträchtlicher Grösse im Bereich des Forstamtes Seestetten, westlich von Passau an der Donau. Wie Gauleiter Giessler dem „Führer“ berichtete, sei diese Waldparzelle 211 Hektar gross und habe einen Schätzwert von mindestens 660’000 Mark. Hitler ist bereit, so die Aktennotiz der Reichskanzlei, „den die Bar-Dotation übersteigenden weiteren Betrag Ritter von Leeb als weitere Dotation zu bewilligen“.
Ergebenst bedankt sich der Feldmarschall bei Reichsminister Lammers und am 23. November 1943 auch beim „Führer“. Er schätze sich glücklich, schreibt er, „einen deutschen Wald besitzen zu dürfen, dessen pflegliche Behandlung ich mir besonders angelegen sein lassen werde“. Er teilt Hitler auch mit, dass er mit heissem Herzen die schweren Kämpfe im Osten verfolge. Er habe den Eindruck, „dass die Angriffskraft der Sowjets sich doch abschwächen muss und für die Ostfront wieder eine Zeit der Festigung und Sammlung kommen wird“.
Als sich die Angelegenheit des Grunderwerbs noch länger hinzieht, drängt Leeb in einem Brief vom 5. April 1944 wegen seines hohen Alters auf eine baldige Übereignung. Am 13. Juli 1944 schliesslich entscheidet Hitler grossherzig, dass die erste Dotation von 250’000 Mark nicht angerechnet werden solle, so dass insgesamt dem Feldmarschall rund 880’000 Mark zufliessen.
Die Urkunde für den Waldbesitz wird notariell am 28. August 1944 in Vilshofen hinterlegt. Zuvor hatte der Feldmarschall in einem handschriftlichen Brief vom 26. Juli 1944 Hitler herzlich für die grosszügige Überweisung gedankt: „Ich benutze die Gelegenheit, Ihnen für die wunderbare Errettung vor dem ruchlosen Anschlag meine tiefstgefühlten Glückwünsche auszusprechen. Sieg dem deutschen Heere. Heil Hitler! Leeb“. Mit dem ruchlosen Anschlag ist das Attentat vom 20. Juli 1944 gemeint.
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Getreu seiner Devise „Nicht kleckern, sondern klotzen“ betrieb auch der Panzergeneral Guderian seine eigene Dotation. Heinz Guderian, Jahrgang 1888, in Kulm (Chelmno) an der Weichsel geboren, war im „Dritten Reich“ die bewegende Kraft beim Aufbau der Panzerverbände.
1940 in Frankreich, beim Stoss durch die Ardennen, schreibt der General Kriegsgeschichte, beim Überfall auf die Sowjetunion führt er die Panzergruppe, später 2. Panzerarmee, bis in den Raum Tula südlich von Moskau. Wegen Differenzen über die weitere Kriegführung wird er während der Winterschlacht vor Moskau 1941 entlassen, im Februar 1943 als Generalinspekteur der Panzertruppe wieder einberufen. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er anstelle von General Zeitzler Chef des Generalstabs des Heeres. Ausserdem berief man ihn in den Ehrenhof des Heeres, der die am Attentat beteiligten Offiziere, insgesamt mehrere hundert, aus dem Heer ausstiess. Nach freimütigen Diskussionen mit Hitler über die Operation wurde er im März 1945 entlassen.
Mit einem Brief vom 30. Oktober 1942 teilt der Gauleiter und Reichsstatthalter im Reichsgau Wartheland, Arthur Greiser, dem Reichsminister Lammers mit, Generaloberst Guderian habe ihm erklärt, der „Führer“ beabsichtige, ihm im deutschen Osten ein Gut zuzuweisen und er solle sich etwas Passendes aussuchen. „Er beabsichtige in der Heimat seiner Vorfahren wieder sesshaft zu werden und durch dieses grossmütige Geschenk des Führers sich im Warthegau anzusiedeln“. Nach längerem Hin und Her – Guderian hatte weder Lammers noch andere Behörden informiert – beginnt im Frühjahr 1943 die Suche nach Grund und Boden.
Im Mai 1943 schreibt Gauleiter Greiser an Lammers einen deutlichen Brief: Er habe eine Liste von Betrieben aufstellen lassen, die mit einer gesunden Mischung von Wald und Landwirtschaft eine gute Bodenqualität böten. Doch sollte man einem Generalobersten als Dotation im deutschen Osten nicht mehr geben, als seinerzeit der „Führer“ dem Feldmarschall von Mackensen in Pommern geschenkt habe: nämlich 4’300 Morgen.
Zwar habe Guderian mit seiner Frau und seinem Sohn zahlreiche Objekte besichtigt, aber dann ein ganz anderes Gut ausgesucht, das gar nicht auf der Liste stand. Dieser Besitz, Schöngarten geheissen, im Kreise Gostingen, war 7’000 Morgen gross und gefiel Frau Guderian wegen des Wohnhauses, das in kulturell und baulich gutem Zustand war, und wegen des schönen Parks. Der Gauleiter hatte, gedeckt durch die Zustimmung des Reichsführers SS Heinrich Himmler, die Hergabe dieses Betriebes abgelehnt. Die letzte Rücksprache mit Guderian sei im Übrigen „unliebsam“ gewesen. Er habe ihm jetzt eine neue Liste mit zehn bis fünfzehn Betrieben ausgehändigt.
Greiser fragte Lammers, was man, wenn schon ein Generaloberst 7’000 Morgen erhielte, dann einem Feldmarschall als Dotation übereignen solle: „Wenn das so weiter geht, wird ein grosser Teil meines Gaugebietes bezüglich der landwirtschaftlich genutzten Fläche an Dotationsinhaber vergeben, die naturgemäss nicht den Ehrgeiz haben, hier zu wohnen und mit ihren Familien den Verdeutschungsprozess zu verstärken, sondern diese Dotation lediglich als Sommersitz und als Einnahmequelle betrachten werden“.
Am 1. Juni 1943 wird der Sachverhalt Hitler vorgetragen. Die Akte trägt den Vermerk: „Der Führer stimmt der Auffassung des Reichsstatthalters Greiser grundsätzlich zu“. Keitel und Himmler werden über die Meinung des „Führers“ informiert. Der Reichsführer SS lässt mitteilen, er unterstütze die Ansicht des Gauleiters. Auf nicht ganz rekonstruierbaren Wegen betreibt der Generalinspekteur der Panzertruppen seine Dotation dennoch weiter. Dem Reichsleiter Martin Bormann, der gar nicht zuständig ist, teilt er am 15. Oktober 1943 mit, vor vier Tagen sei ihm das Gut Deipenhof im Kreis Hohensalza, Warthegau, als Dotation des Führers durch SS-Standartenführer Hübner aus Posen übergeben worden. Zweierlei möchte er noch wissen: 1. Ist Schenkungssteuer zu zahlen? 2. Wer macht das Gut dotationsfähig, das heisst, wer setzt es instand?
„. . . schlechthin unwürdig“
Bormann schickt die Sache zu Lammers, und der erfährt von Gauleiter Greiser, dass es sich bei Deipenhof um eines der besten Ertragsgüter des Kreises Hohensalza handele, nämlich mit über 974 Hektar Äcker, Wiesen, Wald, Gärten, Park und Hof geschätzter Ertragswert (nicht Verkehrswert): 1’230’011 Mark vorgesehen für Um- und Neubauten etwa 43’000 Mark. Ein Mitarbeiter von Minister Lammers bezeichnete in einem Sachvermerk die Form, in der die Dotation ausgeführt wurde, „als schlechthin unwürdig“.
Im Oktober 1944 muss Guderian, jetzt Generalstabschef, dem Feldmarschall von Manstein (der ebenfalls ein Gut im Osten sucht) zugeben, dass die ehedem polnischen Besitzer von Deipenhof schon nicht mehr dort gewesen seien, als er das Gut übernahm. Und wo sie abgeblieben seien, wisse er nicht.
Nicht weniger skandalös ist die Art, wie Feldmarschall Wilhelm Keitel seine Dotation von 250’000 Mark vermehrt hat. Keitel, nach Hitler oberster Soldat der Wehrmacht und später in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen gehängt, teilt Minister Lammers Ende 1942 mit, er wolle mit dem Geld das väterliche Gut Helmscherode arrondieren.
Da er noch 50 000 Mark Eigenkapital habe, bitte er um Hilfe bei der Beschaffung geeigneter Waldstücke. Im Visier hat er einen Forst der Hannoverschen Klosterkammer, welcher der Oberförsterei Lamspringe gehört und an sein Gut grenzt. Da die amtlichen Schätzwerte höher sind, als Keitel meinte, muss er sich deutlicher äussern.
Nun wird klar, dass der OKW-Chef durchaus ein strategischer Kopf ist. Listig legt er zwei Entwürfe für Kaufverträge vor. Entwurf eins enthält die Grundstücke, die er zur Zeit, bei 50 000 Mark Eigenkapital, ankaufen könnte: insgesamt 173,8570 Hektar. Entwurf zwei enthält alle gewünschten Grundstücke (Gesamtgrösse 246,2880 Hektar. Als Preis dafür ermittelt Keitel 739’340,76 Mark. Bei der kleineren Fläche ist kein Preis angegeben. Keitel wusste, dass auf die Grossherzigkeit des „Führers“ Verlass war. Dieser entscheidet am 13. Juli 1944, so lange zieht sich die Sache hin, dass der Waldbesitz nach Vertragsentwurf zwei zum Preise von 739’340,76 Mark dem Feldmarschall zu übertragen sei und die 1942 gewährte Bardotation von 250’000 Mark nicht in den Kaufpreis eingerechnet werden soll!
Trotzdem ist Keitel noch nicht zufrieden. Am 18. August 1944 beschwert er sich bei Lammers, der Landeskulturfonds in Hannover mache ihm immer neue Schwierigkeiten, um den Verkauf zu verzögern. In einem kühlen Antwortschreiben erklärt der zuständige Kultusminister Rust die Verzögerungen mit Kriegsfolgen: Das Personal der Forstmeisterei Lamspringe ist im Osteinsatz Dienstgebäude der Verwaltung Hannover sind durch Luftangriffe zerstört und alle Akten, auch der Keitelsche Kaufvorgang, verbrannt. Mit den überalterten Dienstkraftfahrzeugen käme man nur mühsam nach Lamspringe und sei deshalb auf zeitraubende Eisenbahnreisen angewiesen.
Nach zähem Schriftverkehr und Streit über Verzinsung des Kaufpreises und Verwaltungskostenzuschläge wird im Oktober 1944 der Kaufvertrag unter Dach und Fach gebracht. Der Feldmarschall, der auf den Schlachtfeldern keine Erfolge aufweisen kann, hat immerhin sein väterliches Gut (220 Hektar mit Forst) in grossem Stile auf Kosten des Volksvermögens erweitert.
„. . . schlechthin unwürdig“
Die Höhe der Bar- und Sachdotationen allein in diesen drei Fällen sprengt auch bei wohlwollendster Betrachtung jeden Rahmen in einem Staat, der sich als ein Reich von Volksgenossen begriff und monatlich einen Eintopfsonntag als Symbol von Gleichheit und Bescheidenheit beging. Das schlechte Gewissen der Gebenden zeigte sich darin, dass die Aktionen meist geheim abliefen oder verschleiert wurden.
Das der Empfänger zeigt sich bis heute: In Memoiren werden die korrumpierenden Wohltaten verschwiegen, in Biographien nicht erwähnt oder beschönigt.
So hat mir der bayerische Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf die schlichte Frage, ob sich die als Dotation an Feldmarschall Ritter von Leeb dem Freistaat Bayern entzogenen grossen Waldungen in Niederbayern wieder im Staatsbesitz oder noch im Besitz der Familie Leeb befinden, nach sechs Wochen mitgeteilt, er habe 52 Jahre danach in seinem Haus darüber keine Unterlagen mehr. Dabei hätte ihm sein zuständiges Forstamt auf Anfrage sogleich bestätigt, dass die Forstflächen noch der Familie Leeb gehören.
Eine Bitte um Auskunft über das „arrondierte“ Gut Keitels in Lamspringe ist noch in Bearbeitung. In den Nürnberger Prozessen wurde nur Schuld gesühnt. Bereicherung stand nicht in der Anklageschrift.
Die Bundesrepublik hat offensichtlich versäumt, hier korrigierend einzugreifen.
Eine unvollständige Liste:
- Reichsmarschall, Reichsluftfahrtminister, Beauftragter für den Vierjahresplan, Reichsjägermeister usw. Hermann Göring (6’000’000 Reichsmark in bar)
- die Nachkommen des preussischen Generaloberst Erich Ludendorff (Grundbesitz im Wert von 1’612’400 Reichsmark)
- Generalfeldmarschall Keitel (Agrarland und Bargeld im Wert von 1’014’331 Reichsmark)
- Generaloberst Heinz Guderian (ein Gut, den Deipenhof bei Kruschwitz) im Warthegau (Grundbesitz im Wert von 1’240’000 Reichsmark)
- Reichsaussenminister Joachim von Ribbentrop (1’000’000 Reichsmark in bar)
- der Leiter der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley (1’000’000 Reichsmark in bar)
- Generalfeldmarschall Ritter von Leeb (Bargeld und Grundbesitz im Wert von insgesamt 880’000 Reichsmark)
- der Bildhauer Arno Breker (800’000 Reichsmark in bar)
- Generalfeldmarschall Günther von Kluge (250’000 Reichsmark in bar)
- 1944 erhielten die Nachkommen von Generalfeldmarschall Walther von Reichenau eine Dotation an Grundbesitz im Wert von 1,01 Millionen Reichsmark.
Adolf Hitler – Massenmörder und Multimillionär
(Von Wolf Stegemann)
Adolf Hitler – Massenmörder und Multimillionär, Steuerbetrüger und Steuerverschwender
Er ass kein Fleisch, trank nicht und rauchte nicht. Doch selbstlos war Adolf Hitler nicht. Die von Hitler selbst gestrickte Legende vom asketischen, opferbereiten, selbstlosen „Führer“ im Dienste seines Volkes, der sogar auf sein Gehalt als Reichskanzler verzichtet habe, ist so langlebig wie falsch. Als er 1945 Selbstmord beging, war er ein schwer reicher Mann. Schon zu Beginn seiner „Karriere“ verfügte Hitler über genügend Einkünfte – wohlhabende Spender aus der Industrie finanzierten ihn heimlich. Als er an der Macht war, schien der Geldstrom kein Ende mehr zu nehmen.
Neue Erkenntnisse belegen, wie der Diktator sich bereicherte und skrupellos Millionen ausgab. Die Schar der Hitler-Biografen hat den Aspekt der privaten Vermögensverhältnisse Hitlers nach Ansicht des Fernsehjournalisten Ingo Helm stark vernachlässigt. Durch Forschungsarbeiten wurde erst nach dem Jahr 2000 bekannt, dass Adolf Hitler rund 20 Millionen Reichsmark in eine Führer-Residenz in Posen gesteckt hat. Bis 1945 lief das Projekt, ein von Kaiser Wilhelm II. gebautes Schloss auszubauen, unter Geheimhaltung. Um den Bau anzuschieben, schoss Hitler zwei Millionen Reichsmark aus seiner Privatschatulle vor, das entspricht abhängig vom Umrechnungsparameter rund 10 bis 16 Millionen Euro. Woher hatte er das Geld?
Schon früh wurde er auch aus dem Ausland unterstützt – etwa von Henry Ford, der seit 1922 spendete. Später überwiesen auf Geheiss des US-Industriellen die deutschen Ford-Werke jährlich 50’000 Mark als Geburtstagsgeschenk auf Hitlers Privatkonto.
Zahlreiche deutsche Grossunternehmen, die mit Zuwendungen die Gunst des Diktators erkaufen wollten, bemühten sich nach dem Krieg, kompromittierende Spuren zu verwischen. Doch gerade die „Adolf Hitler-Spende der deutschen Industrie“ brachte zwischen 1933 und 1945 insgesamt 700 Millionen Reichsmark in einen Fonds, der zur „persönlichen Verfügung des Führers“ stand.
Wohlhabende Damen und Sympathisanten der rechten Szene spendeten ihm schon vor 1933 grosszügig Geld. Nahezu acht Millionen Reichsmark an Tantiemen bekam er für seinen staatlich zum Besteller gemachten Bestseller „Mein Kampf“ – ein Geschenk für alle Neuvermählten. Daraus stammten die 100 Millionen Mark, mit denen Hitler das „Führergebiet Obersalzberg“ ausbauen liess, noch einmal 100 Millionen flossen zudem in den Aufbau einer Kunstsammlung für das geplante „Führer-Museum“, das in seiner Heimatstadt Linz entstehen sollte. Hitler bereicherte sich schamlos aus der Parteikasse der NSDAP, skrupellos bediente er sich aus dem Staatshaushalt und erhielt zahlreiche Erbschaften von Parteigenossen.
Ein nicht unbeträchtliches Vermögen floss ihm aus Anteilen des Verkaufs von Briefmarken mit seinem Porträt zu. Und das alles in die Taschen des Reichskanzlers und „Reichspräsidenten“, der zudem ab 1934 für beide Ämter gesonderte Vergütungen kassierte. Umstritten ist allerdings die These, Hitler sei an den Einnahmen aus der Verbreitung von Fotos mit ihm beteiligt gewesen. Der Fotograf Heinrich Hoffmann habe die Urheberrechte für „fotografische Bildwerke“ von Hitler dem Gesetz nach für zehn Jahre besessen. Auf Hitlers Weisung hin seien sie dann auf 20 Jahre erhöht worden.
Hitler unterschied nicht zwischen Privat-, Partei- und Staatsvermögen
Laut dem Journalisten Helm gibt es Parallelen zwischen Hitlers Macht- und Hitlers Geldanhäufung. „Geld, Macht und Aufstieg – das war Balsam für die gequälte Seele des verletzten Genies“, sagte Helm gegenüber SPIEGEL ONLINE. So, wie er alle Macht auf sich vereinigte, so häufte er Vermögen an und gab auf geradezu unmoralische Weise Millionen aus. Schon während seiner Zeit als Kunstmaler, als Soldat und Spitzel fürs Militär, hatte Hitler unter Anflügen von Grössenwahn über seine Verhältnisse gelebt. Später unterschied er zwischen seinem privaten Vermögen und dem der Partei oder des Staates immer weniger: etwa beim Ausbau seines Sommersitzes auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden oder beim Aufbau einer gigantomanischen Kunstsammlung. Millionenbeträge wurden auch für den Erhalt der Macht ausgegeben. Geschenke („Dotationen“) von fürstlichem Zuschnitt machte der Mann seinen Paladinen, Generalfeldmarschällen und anderen ihm zu Dienste stehenden Nationalsozialisten, er, der sich gerne als Asket darstellte, um sich die Treue einflussreicher Personen zu sichern und unsichere Kantonisten an sich zu binden.
Steuern nicht gezahlt – Verfahren niedergeschlagen
Zwar gab der „Völkische Beobachter“ am 7. Februar 1933 in Sperrdruck auf der Titelseite bekannt: „Wie die Reichspressestelle der NSDAP mitteilt, bezieht der Führer als Reichskanzler kein Gehalt, er hat, da er sich als Schriftsteller sein Einkommen selbst verdient, auf die Bezüge als Reichskanzler Verzicht geleistet“. Mit dieser demonstrativen Bescheidenheit war es allerdings bald wieder vorbei, denn ab 1934 bezog Hitler dann wieder sein Gehalt als Reichskanzler – und seit dem 2. August 1934, dem Todestag Paul von Hindenburgs, das des Reichspräsidenten gleich noch dazu.
Ein ähnlich hässliches, wenig bekanntes Geheimnis rankt sich um Hitlers Steuerehrlichkeit. Denn Geldverdienen macht nur halb so viel Freude, wenn man einen mehr oder weniger grossen Teil seiner Einkünfte dem Staat abtreten muss. Hitler hatte schon vor seiner Machtübernahme immer wieder Schwierigkeiten mit dem Finanzamt gehabt. 1933 war schliesslich eine Steuerschuld von 405’494 Reichsmark aufgelaufen – immerhin das Achtfache seines offiziellen Reichskanzlergehalts von 29’900 Reichsmark plus 18’000 Reichsmark Aufwandsentschädigung pro Jahr. Doch das zwangsläufig folgende Steuerstrafverfahren liess Hitler einfach niederschlagen; praktischerweise liess er gleich noch die eigenen Einkünfte und seine an verdiente Beamte und Generäle ausgezahlten Dotationen pauschal von der Einkommensteuer befreien.
Multimillionär Adolf Hitler Vermögen an das Bundesland Bayern
Nach dem Krieg wurde Hitlers Vermögen durch den Alliierten Kontrollrat an den Freistaat Bayern übertragen. Die Einkünfte aus den Schriften Hitlers wollen dessen Erben, das sind die Halbschwester und die Nachfahren von Hitlers Mutter, die im österreichischen Waldviertel leben, von Bayern zurück haben – ohne Erfolg. Heute hat das bayerische Finanzministerium die weltweiten Rechte an „Mein Kampf“ – mit Ausnahme Grossbritanniens und der USA. Der bayerische Staat erlaubt grundsätzliche keine Nachdrucke. Wenn in irgendeinem anderen Staat das Buch nachgedruckt wird, interveniert Bayern über das Auswärtige Amt in dem jeweiligen Land.
Auch sechzig Jahre nach Kriegsende ist das Erbe der NS-Diktatur noch ganz real – im wörtlichen Sinne. Bis heute verwaltet der Freistaat Bayern grosse Teile des ungeheuren Vermögens an Immobilien, Kunst und sonstigen Werten, das Nazi-Führung und die NSDAP zusammenrafften – oft mit kriminellen Machenschaften. Dies reicht von Gemälden über Hitlers Münchner Privatwohnung bis zu den Urheberrechten an „Mein Kampf“.
Als „Hauptstadt der Bewegung“ war München Sitz der meisten NS-Organisationen – von der Parteizentrale bis zur NS-Frauenschaft (NSF). „Ein zentraler Täterort“, sagte einmal der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU). „Hier war alles gebündelt. Zwischen dem Obelisk am Karolinenplatz und dem Königsplatz gab es kein Haus, das nicht der NSDAP gehört hatte“.
Das Vermögen führender NS-Funktionäre wurde nach dem Krieg beschlagnahmt. Der Freistaat eignete sich die Rechte nicht selbst an, sondern bekam diese von den Alliierten zugesprochen. Das betraf das Vermögen von Adolf Hitler, Hermann und Emmy Göring, Eva Braun, Hitlers Sekretär Martin Bormann, Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess, SS-Führer Heinrich Himmler, Reichsjugendführer Baldur von Schirach, Hitlers Propaganda-Fotograf Heinrich Hoffmann, und Julius Streicher, der Herausgeber des „Stürmer“. Eingezogen wurde auch das gesamte NSDAP-Parteivermögen.
Zum Teil wurde das NS-Vermögen zur Wiedergutmachung genutzt. Bis Ende 1967 wurde Überlebenden enteignetes oder gestohlenes Vermögen im Wert von etwa 620 Millionen Mark zurückgegeben. Darüber hinaus hat der Freistaat bis heute knapp sechs Milliarden Euro Entschädigung gezahlt. Wie viel das Nazi-Erbe heute noch wert ist, darüber gibt es von der bayerischen Finanzverwaltung keine Angaben. Die Parteibauten und Privatanwesen werden auf unterschiedlichste Weise genutzt: In Hitlers ehemaliger Privatwohnung am Prinzregentenplatz ist heute eine Polizeiinspektion untergebracht, im Führerbau am Königsplatz, wo 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet worden war, residiert inzwischen die staatliche Hochschule für Musik.
War Hitler ein Junkie?
(Deutschlandfunk, von Mertin Hubert)
Dass Adolf Hitler Medikamente und Drogen konsumiert haben soll, ist nichts Neues. Und auch Soldaten im Zweiten Weltkrieg haben Aufputschmittel genommen, um länger durchzuhalten. Doch wurden durch Drogen Hitlers Politik oder gar der Krieg beeinflusst? Der Schriftsteller Norman Ohler hat dem Drogenkonsum im Dritten Reich nachgespürt – mit sehr vagen Ergebnissen.

„Unsere Partei, sie wollte eine wahrhaftige Weltanschauungspartei sein und zweitens, sie wollte daher kompromisslos die einzige Macht und die alleinige Macht in Deutschland“.
Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag 1934 über die NSDAP.
Der Führer, der im Jubel seiner Parteigenossen badet – die euphorisierte Masse, die sich eins mit dem Führer fühlt. In Massenaufmärschen und Führerreden wurden in der NS-Zeit immer wieder rauschhafte Erlebnisse in Szene gesetzt, die ideologischen Wahn mit Machtdemonstration verknüpften. Sie waren ein massenpsychologisches Mittel, um die Bewegung zu stabilisieren und zu motivieren. Lässt sich das mit einem Drogenrausch in Verbindung bringen? Der Berliner Schriftsteller Norman Ohler legt das nahe, wenn er in seinem Buch behauptet, dass sich die NS-Herrschaft auch auf Drogen stützte. Eine starke Behauptung, die er im Gespräch allerdings in gewissem Ausmass relativiert:
„Jede schriftliche Darstellung von etwas, was in der Vergangenheit zumal weit in der Vergangenheit liegt, kann immer nur eine Verzerrung sein. Das ist ja nicht das, was passiert ist, man stützt sich auf gewisse Daten, die man gesammelt hat und erzählt dann eine Geschichte, das ist immer eine Verzerrung und man kann sagen, jedes historisches Sachbuch ist im Grunde fiktional“.
NS-Gesellschaft als moderne Leistungsgesellschaft
Tatsächlich wirft die Lektüre von Ohlers Buch von Anfang bis Ende eine Frage auf: Wofür sprechen seine Daten und wann wird aus Interpretation Fiktion? Ohler schildert etwa den recht liberalen Umgang mit Drogen in der Weimarer Republik und macht deutlich, dass die Reaktion der Nazis darauf keineswegs eindeutig und zum Teil sogar scheinheilig war. Einerseits brandmarkten sie den Drogengebrauch als nichtarisch und jüdisch zersetzend. Süchtige wurden in geschlossene Anstalten oder Konzentrationslager verbracht. Andererseits konnten deutsche Unternehmen weiterhin gute Geschäfte mit Drogen machen. Die SS experimentierte mit Mescalin, um Gefangenen Geheimnisse zu entlocken. Und die stimulierende Substanz Pervitin wurde nicht nur von Zivilisten eingenommen. Auch Offiziere und Soldaten nutzten sie etwa in den Blitzkriegen gegen Polen und Frankreich, um länger wach bleiben und die Aufgabe eines schnellen Durchmarsches bewältigen zu können. 35 Millionen Dosierungen Pervitin sollen der deutschen Wehrmacht 1940 zur Verfügung gestanden haben. Ohler zieht daraus folgenden Schluss:

„Die NS-Gesellschaft ist ja eine moderne Leistungsgesellschaft. Und im NS-System wurden Drogen halt eingesetzt, um Leute funktionsfähig zu halten, beziehungsweise die Leute haben das ja auch selbst genommen, also sie haben sie auch selbst freiwillig genommen, es hat ja niemand den Zivilisten vor dem Krieg befohlen, jetzt Pervitin, Metamphetamin, zu schlucken, aber trotzdem haben es alle genommen, weil halt alle irgendwie dabei sein wollten, und fit sein wollten, das war ein Automatismus“.
Ohler will die Nazis noch einmal entlarven, indem er zeigt, dass sie ihre reine Ideologie vergassen, wenn es um Effektivität ging. Dass die NS-Gesellschaft auch eine moderne kapitalistische Leistungsgesellschaft war, ist zwar richtig – aber in puncto Drogen geht diese Geschichte nicht ganz auf. Es gab auch dauerhaften Widerstand von NS-Funktionären gegen den Pervitingebrauch. Ab Juni 1941 wurde er daher per Reichsopiumgesetz stark eingeschränkt. Ohlers Behauptung, Pervitin sei „Nationalsozialismus in Pillenform“ gewesen und hätte dem Einzelnen das Überleben in der Diktatur ermöglicht, ist daher schon faktisch gesehen eine Übertreibung. Weder nahmen alle in der NS-Zeit Drogen noch war der ideologische Wahn der Nazis mit dem Drogenrausch identisch.
Ähnlich zwiespältig ist auch der Eindruck von Ohlers Buch, wenn es um den Drogenkonsum von Adolf Hitler geht. Seit Langem ist bekannt, dass Hitler von seinem Leibarzt Theodor Morell eine Unmenge von Spritzen erhielt. Zuerst enthielten sie Vitamine und Traubenzucker zur Stimmungsaufhellung, dann auch Hormonpräparate, und zum Schluss Eukodal, einen heroinartigen Stoff. Ohler hat den Nachlass von Theodor Morell ausgiebig studiert und präsentiert neue Befunde:

„Gerade nach dem Attentat von Stauffenberg, da häufen sich die Eukodalbeigaben derart, dass man von junkieartigem Konsum sprechen kann, weil, da gibt es schwarz auf weiss zum Beispiel im September 1944 jeden zweiten Tag eine Eukodalspritze und wer das bekommt, der erfährt eine sehr starke Drogenwirkung und Morell schreibt häufiger, wie Hitler vor Treffen mit Generälen explizit das Eukodal verlangt hat, um sich in eine euphorische oder zuversichtliche Gesamtstimmung zu bringen. Das heisst, Hitler war auf jeden Fall, als es sehr schlecht aussah für ihn im Krieg, war er süchtig nach diesem Eukodal, nach diesem künstlichen geputschen Gefühl“.
Hat der Drogenrausch Hitlers Entscheidungen beeinflusst?
Diese Daten legen tatsächlich nahe, dass Hitlers Drogenkonsum noch grösser war als bisher angenommen. Morell hatte seine Führerverbindung schliesslich auch dazu genutzt, seine „Wundermittel“ geschäftstüchtig zu vermarkten, etwa indem er sich zur Produktion Tierorgane aus der eroberten Ukraine sicherte. Allerdings gesteht Ohler selbst zu, zum Drogenkonsum Hitlers nur eine Indizienkette liefern zu können und keinen letzten Beweis. Viel entscheidender aber ist die Frage, was Ohler meint, wenn er von Hitlers Sucht spricht. Hat der Drogenrausch Hitlers Denken, Hitlers Entscheidungen, gar seine Schuld beeinflusst?

„Ich finde, man kann bei Hitler sehr deutlich sehen, dass die ideologischen Motivation, seine politische Haltung, die Pläne und die verbrecherische Haltung, die ist sehr konstant, die ist von Anfang im Grunde an da und die ändert sich nicht. Aber die Drogen hatten den Effekt, dass in einer Situation, in der auch alle seine Berater, seine Generäle ihn zu ganz anderen Entscheidung geraten haben, weil halt die Realität mit dem verloren gehenden Ostfeldzug einfach bestimmte Entscheidungen eigentlich verlangt hätte, in diesen Situationen hat Hitler durchaus bewusst oder unbewusst zur Droge gegriffen, um sich in seiner künstlichen Wahnwelt, die aber schon lange vorher etabliert war, weiterhin zu behaupten und dadurch auch seinen Kurs nicht zu ändern“.
Die Droge, mit der Hitlers Soldaten in den Krieg zogen
(FOCUS-Online, Armin Fuhrer)
Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten standen im Dritten Reich permanent unter dem Einfluss einer Droge namens Pervitin. So sollte ihre Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Doch dann kam das böse Erwachen.
Der junge Gefreite schrieb seinen Eltern regelmäßig nach Hause. Sein Einsatz bestand hauptsächlich aus Wacheschieben, einer Tätigkeit, bei der er sich oft nur mit Mühe wachhalten konnte. An seine Eltern erging daher regelmäßig die Bitte, ihm ein Mittel zu schicken, das als Wundermittel galt: Pervitin.
Die kleinen Pillen bestanden aus Methamphetamin und machten fit. Heute wird der Stoff als Partydroge in den Clubs von Berlin oder London genommen und hält die Clubgänger möglichst lange wach, damit sie Tage und Nächte durchfeiern können. Doch Ende der dreissiger und Anfang der vierziger Jahre ging es nicht um Party-Spass. Es ging um das Bestehen in einer Leistungsgesellschaft und um Krieg und Töten.
Ein ganzes Volk unter Drogen
Der junge Gefreite, der in vielen Briefen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges an seine Eltern um das Teufelszeug Pervitin bat, hieß Heinrich Böll. Später sollte er ein berühmter Schriftsteller werden und den Literaturnobelpreis gewinnen, doch jetzt schob er noch als unbekannter kleiner Soldat seinen Dienst. Mit seiner Sucht nach dem Aufputschmittel – Sucht im wahrsten Sinne des Wortes – war er nicht allein.
Ganz im Gegenteil: Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten schluckten regelmäßig Pervitin, nicht selten täglich oder sogar mehrmals am Tag. Der kleine Muntermacher war in jeder Apotheke zu bekommen, ein Rezept brauchte man nicht. Die Nazis, die sich so gern als Saubermänner aufspielten, setzten ein ganzes Volk unter Drogen. Das Ziel sollte es rechtfertigen: den Kontinent zu erobern, die Juden zu vernichten.
Untrennbar verbunden war die Verbreitung von Pervitin mit einem Mann namens Otto F. Ranke. Er arbeitete am Wehrphysiologischen Institut, einer Abteilung der Militärärztlichen Akademie in der Berliner Invalidenstrasse, wo 1934 bis 1945 der Sanitätsnachwuchs der Wehrmacht ausgebildet wurde. Heute ist dort das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie untergebracht. Dass der 38-Jährige Ranke als Leiter dieses Instituts auf eine Schlüsselposition für die deutsche Kriegsführung gelangt war, sollte vor dem Beginn des Polenfeldzuges noch niemand ahnen.
Das Mittel sollte die Soldaten leistungsfähiger machen
Ranke konnte bei seinen Forschungen auf die Produkte der Berliner Firma Temmler zurückgreifen, die bald auch das Pervitin in grossen Mengen herstellte und ein schönes Geschäft damit machte. Ziel Rankes war es, ein Mittel zu finden, das Ermüden vorbeugen und die Menschen leistungsfähiger machen sollte. 1938 begann er zu forschen und benutzte als lebende Objekte seine Studenten.
Die Versuche verliefen erfolgreich, Ranke stellte eine deutliche Steigerung der Leistungsfähigkeit fest – dadurch, dass die Männer, die Pervitin einnahmen, deutlich länger wach blieben und sich länger und besser konzentrieren konnten als solche, die kein Pervitin genommen hatten. Gerne stellte Ranke auch sich selbst als Versuchsobjekt zur Verfügung. Er schluckte Pervitin was das Zeug hielt und war begeistert von der Wirkung. Zunächst zumindest.
Auch in der Bevölkerung wuchs rasch die Begeisterung für das neue, frei verkäufliche Wundermittel. Millionen Deutsche schluckten es hemmungslos, um ihren Alltag zu bewältigen, Nebenwirkungen waren – noch – kaum bekannt. In einer Zeit, in der ständig von „Aufbruch“ die Rede war, kam vielen Konsumenten ein solches Mittel gerade recht. Der Konsum musste gar nicht von oben befohlen werden, das Volk war geradezu süchtig nach dem Wachmacher, der im Volksmund „Weckamin“ genannt wurde.
Auch Ärzte waren von dem Wachmacher begeistert
Sekretärinnen, Schauspieler, Arbeiter am Fliessband, Möbelpacker, Feuerwehrleute, Hausfrauen, Friseure, Lokomotivführer oder Schriftsteller – mit Pervitin ging einfach alles viel einfacher von der Hand, man arbeitete konzentrierter und effektiver. Selbst in süsser Form konnte es gereicht werden, nämlich als Pralinen mit dem Namen „Hildebrand“. Mit dem Dickmacher konnte man, so versprach es eine breit angelegte Werbekampagne, gut abnehmen und schnell sowie konzentriert arbeiten. Denn Pervitin senkte das Hungergefühl, und da in den Pralinen eine ordentliche Dosis enthalten war, sollten die paar Kalorien der Süssigkeiten nicht schaden.
Auch Ärzte nahmen die kleinen Pillen und waren begeistert. Sie wurden mit kostenlosen Proben von Temmler beliefert, um das Mittel am eigenen Leib zu testen. Alarmzeichen gab es zunächst nur wenige. So musste an der Universität München eigens ein Ausnüchterungsraum für Studenten eingerichtet werden, die von dem Wachmacher zu viel geschluckt hatten. Der Nazi-Slogan „Deutschland erwache“ bekam eine ganz neue Bedeutung
Wie im Rausch stürmte die Wehrmacht durch Polen
Als Adolf Hitler die Wehrmacht in Polen einmarschieren liess, gehörte Pervitin schon ins Marschgepäck vieler Soldaten. Wie im Rausch stürmte die Armee durch Polen . Eine planmässige Vorbereitung des Pervitin-Einsatzes gab es nicht, das Mittel wurde noch völlig willkürlich eingesetzt, fand Norman Ohler heraus, der in den Akten der Wehrmacht zum Pervitin-Einsatz geforscht hat.
Der Erfolg aber war schlagend: So hiess es beispielsweise aus der 3. Panzerdivision, die bei Graudens die Weichsel überschritt, um nach Ostpreussen zu gelangen: „Oft Euphorie, Hebung der Aufmerksamkeit, deutliche Leistungssteigerung, Arbeit leicht von der Hand gegangen, ausgesprochene Weckwirkung und Gefühl der Frische“. Die Leistungssteigerung war einfach immens.
Die Generäle der Wehrmacht waren begeistert. Musste eine Armee, die mit einem derartigen Wundermittel ausgestattet war, nicht schlicht unbesiegbar sein? Kein Wunder, dass nach solchen begeisternden Erfahrungen der Einsatz des Methamphetamins vor dem West-Feldzug durch die Niederlande, Belgien und Frankreich im Frühjahr 1940 systematisch vorbereitet wurde.
Millionenfach wurden die kleinen Wunderpillen produziert und an die Soldaten verteilt. Der „Blitzkrieg“ im Westen war so geradezu methaphetamingesteuert. Briten-Premier Winston Churchill irrte sich mit seiner Auffassung, dass die Wehrmacht sich nach einigen Tagen festlaufen würde. Tatsächlich erreichten die Deutschen in 100 Stunden grössere Geländegewinne als in den vier Jahren des Ersten Weltkrieges.
Sogar Hitler war überrascht
Diese Erfolge hingen natürlich nicht nur mit dem Einsatz des Pervitin zusammen. Aber die waghalsigen Pläne der Wehrmachtsführung wären ohne den Wachhalter so kaum möglich gewesen, weil die deutschen Soldaten einfach weniger schlafen mussten, sondern oft mehr als 48 Stunden durchhielten. Die Panzertruppen der Wehrmacht rasten mit einer solchen Geschwindigkeit durch Frankreich, dass die französischen und britischen Truppen überhaupt nicht mitkamen.
Nicht mal Hitler selbst kam bei der Geschwindigkeit seiner Truppen noch mit. Als einer seiner Generäle ihm meldete, er hätte die Schweizer Grenze erreicht, glaubte der „Führer“ zunächst an einen Irrtum. Panzergeneral Heinz Guderian wandte sich am Ende des erfolgreichen Feldzuges begeistert an seine Truppen: „Ich habe euch aufgefordert, 48 Stunden nicht zu schlafen. Ihr habt 17 Tage durchgehalten“. Manche Soldaten nahmen Pervitin aber auch in einer fatalistischen Stimmung. So schrieb ein Pilot der Luftwaffe während der Schlacht über England 1940: „Man verzichtet doch nicht aufs Pervitin, weil es vielleicht etwas gesundheitsschädlich sein könnte, wenn man ohnehin dazu bestimmt ist, in Kürze zu fallen“.
Schlimme Nebenwirkungen bis zu Depressionen
Doch allmählich zeigte sich, dass der massenhafte und dauerhafte Einsatz von Pervitin schlimme Nebenwirkungen nach sich zog. Wenn die Soldaten das Zeug nicht bekamen, klagten sie über Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Depressionen, Burnout-Symptome. Otto Ranke erlebte dies auch am eigenen Körper. Längst war er süchtig geworden, schluckte die Pillen täglich, aber zugleich verspürte er immer stärker die schädliche Wirkung.
Er war ein süchtiger Dealer geworden. Der Reichsgesundheitsführer warnte inzwischen vor dem Missbrauch, denn auch in der Bevölkerung häuften sich die Berichte über schädliche Nebenwirkungen. Schliesslich konnte die NS-Spitze nicht mehr übersehen, dass der Schaden, den das Pervitin auf Dauer anrichtete, mindestens genauso so gross war, wie der Nutzen, den es im Kampf gegen den Feind hatte. Diese Erkenntnisse führten schliesslich 1941 zum „Weckmittelerlass“: Pervitin sollte nur auf Rezept abgegeben werden. Viele Apotheker hielten sich allerdings nicht daran und verkauften es auch weiterhin frei – der Volkskörper blieb auf Droge.
Für die Wehrmacht wurde später noch zu anderen Drogen, die den Soldaten die Angst nehmen, sie enthemmen sollten, geforscht. Auch in anderen kriegsführenden Ländern wurden natürlich Drogen in den Armeen eingesetzt. Doch nirgends betrieben die Verantwortlichen einen solchen Raubbau an der Gesundheit ihrer Soldaten wie die Deutschen.